Warum die Differenzierung mathematisch-hochbegabter Kinder lebensnotwendig ist.

Warten ist eine Tugend, die die Kinder noch lernen müssen?

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Ich habe in dieser Blogserie bereits einige Geschichten von mathematisch hochbegabten Kindern erzählt. Die meisten mussten für eine stärkenorientierte Differenzierung sehr kämpfen – nicht immer mit positivem Ausgang. Warum ist es aber überhaupt wichtig, logisch mathematisch begabte Kinder zu fördern? Ist es nicht ausreichend, bis zur Matura zu warten und dann zu studieren?

Müssen sportlich oder musikalisch hochbegabte Kinder lernen zu warten?

Betrachten wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel und stellen uns zum Beispiel ein musikalisch außergewöhnlich begabtes Kind vor, das mit 5 Jahren bereits ausgezeichnet Klavier spielt. Oder versetzen wir uns die Situation der Eltern und Lehrer eines jungen Ausnahmefußballtalents. Wäre da nicht allen Beteiligten intuitiv klar, dass die Förderung dieser Kinder auch schon im jungen Alter essenziell ist, unabhängig davon, ob der großartige Fußballer im Kunstunterreicht auch ein großartiger Maler ist?

Tatsache ist: auch Mathematiker*innen haben ihren Leistungszenit mit 30, spätestens 40, schon überschritten.


Howard Gardner, der Entwickler der „Multiplen Intelligenzen“ widerspricht

Entscheidend ist, dass der junge Logiker-Mathematiker rasch vorankommt. Wie wir gesehen haben, liegt die produktivste Zeit für diesen Bereich vor dem vierzigsten Lebensjahr, vielleicht sogar vor dem dreißigsten, und nur selten werden wichtige Arbeiten später verfasst. […] Die Fähigkeit, alle nötigen Variablen für eine bestimmte Zeit in seinem Kopf zu speichern und zu manipulieren, um bei einem wichtigen mathematischen Problem weiterzukommen, ist aus einem nicht genau bekannten (wahrscheinlich neurologischen) Grund besonders vom Alter abhängig, und in diesem Bereich beginnt das Alter schon mit dreißig oder vierzig Jahren. Eine harte und oft schmerzhafte Tatsache. […] In der Mathematik ist diese Situation noch deutlicher. Nach Alfred Adler ist der Zenit bei den meisten Mathematikern mit fünfundzwanzig oder dreißig Jahren überschritten. Wenn er bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel erreicht hat, wird es ihm auch danach nicht mehr gelingen.  (Gardner 1991, S. 146)

Wenn man nur bis 30 Zeit hat, muss man laut werden!

Umso markanter scheint besonders die große Unruhe mathematisch-logisch begabter Kinder, die in ihrer Entwicklung gebremst werden. Ihre Verhaltensauffälligkeiten können geradezu als intuitiver Hilfeschrei für die ihnen davonrennende Zeit angesehen werden.

Unsere Gesellschaft braucht keine Nobelpreisträger?

Auch wenn viele Eltern, die zu mir kommen, sagen, dass es ihnen nicht wichtig sei, dass ihr Kind einmal Großes leisten soll, so frage ich mich dennoch: „Wollen wir es ihnen verwehren, dass sie es könnten? Mit aller Macht den Nobelpreisträger davon abhalten einer zu werden, als wäre das etwas schlechtes?

Lebensglück kann nur erreicht werden, wenn der Seelenplan erfüllt werden darf.

Es geht hier aber nicht prinzipiell darum, der/die Beste eines Faches zu werden. Das Lebensglück der Kinder sollte jedoch als Argument für eine frühzeitige Förderung mehr als ausreichend sein. Nicht alle logisch-mathematisch hochbegabten Kinder werden später große Mathematiker (werden wollen). Sie entdecken vielleicht neue Interessen, begeistern sich für andere Gebiete und schlagen ganz unterschiedliche Wege ein. Dennoch haben alle in diesem Moment etwas gemeinsam: Ihre Seele drängt nach der Beschäftigung mit der Mathematik. Wenn diese Kinder durch institutionelle Vorschriften weiter kleingehalten werden, können sie nicht nur ihr volles Potenzial möglicherweise nie ausschöpfen. Sie müssen geradezu innerlich unruhig werden. Der Kopf schiebt mit Freude an. Die Schule bremst. Das ist kein gutes Gefühl. Da Mathematik nun aber ein Schulfach ist, das bestimmte Kompetenzen bestimmten Altersgruppen zuordnet, passen hochbegabte Kinder hier oft nicht ins System.

Ohne Differenzierung ist Motivationsmangel vorprogrammiert.

Auf Seiten der Schule braucht es Mut, sich von einem fest vorgeschriebenen Lehrplan zu lösen, um einem Kind das Weiterkommen zu ermöglichen. Allerdings steht der Fokus in unserem Schulsystem oft auf einer Eliminierung der Schwächen, weniger auf einer weiteren Förderung der Begabungen. Unter Eltern und PädagogInnen herrscht der weit verbreitete Irrglaube, dass für die Beschäftigung mit den Stärken des Kindes erst dann Platz sein darf, wenn die Schwächen „behoben“ sind. Tatsächlich bietet ein solcher Trugschluss aber den perfekten Nährboden für Motivationsmangel, Schulunlust und sogar Depression. Anstatt begabten Kindern das zu entziehen, was Freude und Energie bringt, muss die Möglichkeit, ihre Begabungen ausleben zu können, eigentlich als Grundlage für das Entstehen von Motivation in anderen Bereichen gesehen werden. Erlauben wir Kindern, ihre (hohen) Kompetenzen in einem Fach wahrzunehmen und weiter auszubauen, so nehmen sie dieses positive Selbstkonzept in andere Fächer mit und profitieren davon.

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